Forschungsinstitute sehen deutliches Wachstum 2026 trotz schlechter Stimmung
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr trotz der schlechten Stimmung im Land stark angehoben. Sie erwarten nun eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 1,3 Prozent - 0,7 Prozentpunkte mehr als im Frühjahr. "Die Stimmung ist schlechter als die Lage", sagte Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) dazu. Die Ökonomen attestieren Deutschland dennoch massive strukturelle Probleme - und der Bundesregierung eine "Finanzpolitik auf Abwegen".
Die deutsche Wirtschaft habe sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich kräftiger entwickelt als noch im Frühjahr erwartet, erklärten die Institute in ihrer am Donnerstag veröffentlichten Gemeinschaftsdiagnose. Vor allem die Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten "überraschend stark" zu. Impulse kamen demnach von der robusten Weltkonjunktur und dem weltweiten KI-Boom; zugleich waren Wettbewerber aus der Golfregion infolge des Iran-Kriegs erheblichen Produktionsbeeinträchtigungen ausgesetzt.
Dennoch bleibe die Erholung insgesamt schwach, betonten die Wirtschaftsforschungsinstitute. Der Aufschwung stehe "auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten", erklärte Holtemöller. Im laufenden Quartal bremse zudem Niedrigwasser die Aktivität vorübergehend. Mittelfristig sehen die Experten vor allem den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel als Problem.
Für das kommende Jahr erwarten die Institute ein Plus von 1,1 Prozent, für 2028 nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von 0,4 Prozent. "Im Jahr 2028 verliert die Expansion an Tempo", erklärten die Forscherinnen und Forscher.
Wachstumshemmend sind laut Diagnose auch die verhaltenen Unternehmensinvestitionen und schwachen privaten Ausgaben. IWH-Ökonom Holtemöller führt dies vor allem auf fehlendes Vertrauen zurück: "Die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte sind aufwärtsgerichtet", sagte er. "Auch die Inflation der vergangenen Jahre ist bei den Löhnen mehr als ausgeglichen worden." Der aktuelle Energiepreisschock wegen des Iran-Kriegs habe zugleich nicht zu einem breiten Preisanstieg geführt.
"Es braucht einfach ein Klima, in dem die Menschen wieder Vertrauen haben, dass es in diesem Land vernünftig weitergeht", sagte Holtemöller. "Das scheint mir das größte Problem im Moment zu sein."
Mit Blick auf die Politik der Bundesregierung warnen die Ökonomen vor allem vor zu stark steigenden staatlichen Ausgaben und Schulden. Thorsten Schmidt vom Leibniz-Institut Essen (RWI) bezeichnete es deshalb "dringend geboten", an angekündigten Reformen festzuhalten "und die Kürzungsmaßnahmen und die Einsparungsmaßnahmen dort auch durchzuführen, wo sie angekündigt wurden".
A.Walczak--GL